| Wer die Psychiatrie und die Behandlung der geistig und
körperlich Kranken im "Dritten Reich" verstehen will, muss das
Menschenbild berücksichtigen, das die Nationalsozialisten hatten. Es war eine
Mischung aus einer rassistischen Idealisierung und der Zerstörung aller
christlichen und humanistischen Werte. Der Mythos vom arischen Menschen führte
zu einer in die Praxis gesetzten
Menschenverachtung und -vernichtung.
Erschreckend war nicht nur das nihilistische
"Neuheidentum" der Nationalsozialisten, sondern aus heutiger Sicht
auch, dass viele Beamte, Staatsmänner, Anstaltsdirektoren und Ärzte mittaten an
der Errichtung und dem Ausbau einer totalitären Diktatur, in der es kein
Mitleid, keine Nächstenliebe und keine Fürsorge mehr für die Personen geben
sollte, die krank und arbeitsunfähig waren.
Allerdings war die Lage der psychiatrischen Anstalten ab
1933 durch unterschiedliche Entwicklungen gekennzeichnet. Sie stellte sich auch
in Niedersachsen für die privaten Einrichtungen teilweise anders dar, als für
die Landes- Heil- und Pflegeanstalten der Provinzialverwaltung Hannover. Vor
allem in den Heil- und Pflegeanstalten und den Einrichtungen der Inneren
Mission machte sich ab 1933 eine Überbelegung bemerkbar, d.h., dass die Belastungskapazitäten
oft überschritten wurden. Die Überbelegungen verschärften sich durch die
Unterbringung bestimmter Krimineller, die nach §42 des Strafgesetzbuches
verurteilt und in der Psychiatrie untergebracht wurden.
Mittelkürzungen wirkten sich nach Kriegsbeginn zusätzlich
aus, da nun durch die Kriegsereignisse weitere Patientengruppen hinzukamen,
d.h. Menschen, die bei Bombenangriffen desorientiert waren oder ältere
Menschen, die bei Handlungsunfähigkeit der Psychiatrie zugeführt wurden. Die Psychiatrie
in dieser Zeit wehrte sich kaum gegen "rassen"politische Zugriffe und
Instrumente einer sich im Laufe der Jahre ständig radikalisierenden Selektion
in der vermeintlichen "Volksgemeinschaft".
Die Gefahr für Menschen
mit sozialen oder
körperlichen
Besonderheiten wuchs, nicht den nationalsozialistischen
Normen und Werten zu entsprechen, und damit die Gefahr, nicht mehr als
nützlich angesehen zu werden. Psychisch Kranke und Anstaltsinsassen wurden
immer mehr als so genannte "Ballastexistenzen" eingestuft. Um so mehr
ist die Arbeit desjenigen Personals psychiatrischer Einrichtungen zu würdigen,
das unter diesen Bedingungen den Patienten Fürsorge entgegengebracht und sich
um ihre Heilung bemüht hat.
Informationen
zur Psychiatrie
im Nationalsozialismus
bietet auch die
Wanderausstellung
"Psychiatrie
im Dritten Reich
in Niedersachsen":
>
Wanderausstellung
Psychiatrie im "Dritten
Reich" in Nds.
(Info im neuen Browserfenster)Quellen und weiterführende Literatur sind auf der Seite
Literatur (in der Themengruppe "Infos") genannt.
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