„Kinderfachabteilung“ Lüneburg

Die etwa 31 „Kinderfachabteilungen” in psychiatrischen Anstalten im Deutschen Reich (1939 bis 1945) wurden als Tötungsstätten für geistig und körperlich behinderte Kinder eingerichtet. Die reichsweite Organisation wurde vor allem durch die „Kanzlei des Führers der NSDAP” und den sogenannten „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten Leiden” durchgeführt. Die Tötung von über 5.000 Kindern gehörte zu den NS-Verbrechen und wurde 1946 im „Nürnberger Ärzteprozess” auch als Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft.

Die „Kinderfachabteilung” der Landes- Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg bestand von Oktober 1941 bis mindestens Herbst 1945. Sie sollte unter anderem der Grundlagenforschung für ein geplantes „Euthanasie”-Gesetz dienen, das tatsächlich nie erlassen wurde. Die ersten Patienten waren Kinder und Jugendliche aus Anstalten der Inneren Mission in Rotenburg (Wümme). Das Alter der Patienten lag zwischen drei Monaten und 16 Jahren.

Nach der Einweisung wurden die Kinder einige Zeit beobachtet und begutachtet. Es sollte festgestellt werden, ob die Krankheiten der Kinder auf Schwangerschaftsprobleme oder auf äußere Einflüsse zurückzuführen waren. Sie wurden in „Bildungsfähige” und „Nichtbildungsfähige” selektiert. Diese Gutachten wurden an den „Reichsausschuss” in Berlin geschickt. Von dort wurde eine sogenannte „Behandlungsermächtigung” zurückgegeben, wenn das Kind zur Tötung „freigegeben” war. Eine Verpflichtung zur Tötung bestand aber nicht. Die Ermordung wurde auf Veranlassung des Leiters der „Kinderfachabteilung” oder des Direktors der Anstalt mit Luminal oder - wenn dies nicht reichte - mit Morphium durchgeführt. Ab 1943 kam es in höherem Maße auch zu Morden ohne Einbeziehung des „Reichsausschusses“, die Ärzte handelten hier autonom. Im Anschluss an die Tötung wurden die Kinder und Jugendlichen in der Regel seziert. Ihre Gehirne dienten der Forschung.

Anhand von Patientenakten lassen sich Einzelheiten über das Schicksal von über 400 Kindern und Jugendlichen von 1941 bis 1945 nachzeichnen. Die geistig und körperlich kranken Kinder und Jugendlichen stammten aus verschiedenen norddeutschen Anstalten, seltener erfolgten direkte Einweisungen nach Lüneburg. Hier verstarben sie nach einer durchschnittlichen Aufenthaltszeit von etwa sechs Monaten. Als Todesursache wurden in der Regel falsche Diagnosen angegeben, wie z. B. „Mandelentzündung”, „Lungenentzündung” oder „Bronchitis”. Insgesamt hatte die „Kinderfachabteilung“ Lüneburg mindestens 695 Kinder-Patienten. Neben den etwa 300 bis 350 ermordeten Kindern und Jugendlichen starben mindestens weitere 100 Kinder- und Jugendlichen-Patienten an den Folgen von Mangel- und Fehlversorgung, auch bis weit nach Kriegsende.

Die „Kinderfachabteilung” war ab 1947 wiederholt Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen. Es liegt eine Reihe von Veröffentlichungen vor, in denen Einzelheiten zur „Kinderfachabteilung” dargestellt sind.