Unermüdlich im Ringen um die Wahrheit

Nachruf auf Dr. Raimond Reiter (* 6.11.1953, † 1.9.2011)

Am 1. September 2011 ist Dr. Raimond Reiter im Alter von 57 Jahren an einer plötzlichen, schweren Krankheit verstorben. Sein Tod trifft die Psychiatrie in besonderer Weise. In seinem Leben hat er als Politologe und Historiker die Verbrechen der Psychiatrie im Nationalsozialismus in den Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit gestellt. Angetrieben von einer humanistischen Grundhaltung und einem Bewusstsein von den Abgründen menschlichen Handelns sah er sich verpflichtet, die noch irgendwie aufklärbaren Tatsachen der „Euthanasie”-Verbrechen und ihre politisch-gesellschaftlichen Zusammenhänge zu erfassen und kritisch zu analysieren.

In unermüdlicher Akribie entstand ein Werk, das nicht nur zahlreiche Fachbücher und Aufsätze, sondern unter anderem auch Wanderausstellungen, Einzelbiogra- fien und eine riesige Website (www.rreiter.de) umfasst. Persönlich hat er mich mit der Beherrschung der modernen Kommunikationstechnologie immer wieder beeindruckt. Eine Vielzahl von Vorträgen, insbesondere im Bereich der Erwachse- nenbildung, und zahlreiche Lehraufträge im Universitäts- und Hochschulbereich spiegeln das Bemühen, sein Wissen besonders an junge Menschen weiterzugeben.

Im Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Praxis stand bis zuletzt die Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie” in Lüneburg. Davon ausgehend, dass das ehemalige Niedersächsische Landeskrankenhaus Standort einer sogenannten Kinderfachabteilung (KFA) war, ließ sich hier exemplarisch das Funktionieren der NS-Ideologie aufzeigen. Ziel und Zweck der über dreißig KFAs in Deutschland war ausschließlich die Selektion und Ermordung behinderter Kinder und Jugendlicher. Dahinter steckte die Vorstellung von einer „leidensfreien” Gesellschaft im Sinne der NS-Rassenideologie. Dabei bewegten sich die Täter in einer Zone klaren Rechtsbruchs: Mord war auch damals Mord! Das aus heutiger Sicht jämmerliche Schauspiel der Nachkriegsjustiz, die Täter dingfest zu machen, und das Versagen von Psychiatrie und Justiz, die Logik der NS-Psychiatrie gründlich zu analysieren, haben Raimond Reiter nie mehr losgelassen.

Als Chemielaborant in der Gewerkschaftsjugend hatte er erstmals seine sprach- liche Begabung in den Dienst einer gerechten Sache gestellt. Nach Abendschule und Studium war es seine Dissertation über „Tötungsstätten für ausländische Kinder im Zweiten Weltkrieg” (1993), mit der er den Naziterror genauer in den Blick nahm. Es folgte 1996 eine Veröffentlichung zum Thema „Nationalsozialis- mus und Moral” und 1997 das als Standardwerk anzusehende Buch „Psychiatrie
im ‚Dritten Reich’ in Niedersachsen”.

Eine beeindruckende Reihe von Arbeiten schließt sich an. Im letzten, gemeinsam mit Lutz Kaelber herausgegebenen Buch „Kindermord und ›Kinderfachabteilungen‹ im Nationalsozialismus” (2011) greift Reiter unter anderem zwei Themen auf, die ihn im Kern immer wieder umtrieben: zum einen die Bedeutung des Gedenkens und der entstehenden Gedenkkultur. Aspekte der Institutionalisierung einer Gedenkstätte bis hin zum „Konkurrenzkampf um ... Zielgruppen und Pfründe”
(S. 27) werden ebenso diskutiert wie Probleme, die sich aus dem Standort einer Gedenkstätte auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik ergeben.

Das andere Thema besteht in den oft vagen Angaben über die Opferzahlen und die Schwierigkeiten des Opferstatusnachweises. Hier sind es zunehmend Angehörige der Opfer, die nach Kriterien für eine sichere Zuordnung fragen. In Lüneburg verstarben 418 von insgesamt 695 in der KFA aufgenommenen Kindern. Nach den Einlassungen der Täter im Jahr 1962 wurden zirka 60 Prozent (= 251) der insgesamt verstorbenen Kinder von ihnen getötet. Lediglich zwei dieser Kinder wurden vonseiten des Gerichts als Opfer namentlich identifiziert. Die tatsächliche Zahl der Opfer, so vermutet Reiter, liegt bei 300 bis 350 Kindern.

Reiter definiert nun zehn Kriterien, die zu vier unterschiedlichen Fallgruppen führen. Letztlich bleiben jedoch zwei Kategorien für den überwiegenden Teil unklarer Fälle, die sich bezüglich des Tötungsnachweises mit einer „an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit” begnügen müssen.

Raimond Reiter war ein engagierter Wissenschaftler, der es sich und anderen beim Ringen um die Wahrheit nicht leicht gemacht hat. Dass ihm zeit seines Lebens die akademische Anerkennung in Form einer festen Anstellung verweigert wurde, hat ihn tief gekränkt. Durch das Betteln um Projektförderungen fühlte er sich stets aufs Neue gedemütigt. Dabei hat er nie irgendein Aufheben darum gemacht. Seine Arbeit diente der Sache. So habe ich erst anlässlich seines Todes von seiner ausgesprochen künstlerischen Begabung erfahren.

Charakteristisch für ihn ist ein Ausstellungsprojekt über die von der NS-Psychia- trie ermordeten Künstler Paul Goesch und Gustav Sievers, das zu den vielen nun unvollendeten Arbeiten gehört.

Wir werden an ihn denken, wenn wir sein Konzept umsetzen.

Für den Arbeitskreis Gedenkstätte in der Psychiatrischen Klinik Lüneburg
Dr. Sebastian Stierl