Historische Notiz 7

Vom "guten Lübbe" und anderen Patienten

Sie haben keine Geschichte geschrieben, allenfalls wurden sie in Akten erfasst. Und Persönliches ist über die ehemaligen Patienten der Anstalt Lüneburg oft nicht bekannt. Einer der wenigen Einblicke stammt aus den 20-er Jahren und zwar aus der Hand von Gertrud Snell, Tochter des damaligen Direktors. Aufmerksam hatte das Mädchen die Menschen in seiner Umgebung beobachtet und dann später als ältere Dame die ganz besonderen Eigenheiten einiger Patienten festgehalten. Meistens traf sie diese bei ihren alltäglichen Beschäftigungen, denn für ihren Vater, Dr. Otto Snell, war die Arbeitstherapie eine der wichtigsten Behandlungsmethoden.

Das Klima im Haus der Familie Snell war liberal, und so wurde den Kindern nicht verwehrt, mit den Kranken in Kontakt zu treten - im Gegenteil. „Wir kamen täglich mit harmlosen Patienten in Berührung, die in die Stadt gehen durften und sich im ganzen wie normale Menschen benahmen, aber irgendeine fixe Idee hatten oder periodisch verwirrt waren“, schreibt Gertrud Snell. Sie und ihre Geschwister nahmen dadurch etwas Wichtiges für ihr Erwachsenenleben mit: „Wir lernten, daß es absonderliche Menschen gab, bei denen Geduld und Duldsamkeit am Platze sind.“ So gab es zum Beispiel „den guten Lübbe“.

Immer fleißig im Garten, rauchte er einen kräftig stinkenden Tabak und achtete kaum auf seine stets tröpfelnde Nase. Worte machte er wenig, aber wehe, es ließ sich ein Kaninchen blicken: Dann griff er zu einer Bohnenstange und rannte laut schimpfend hinterher. Anschließend widmete er sich wieder friedlich seiner Arbeit. Ganz anders ein weiterer Patient, ein Apotheker und Doktor der Pharmazie. Er galt als ein sehr gebildeter Mann. Irgendwann abhängig vom Morphium geworden, lebte er nun in der Anstalt Lüneburg und verwaltete dort die Anstaltsbibliothek. Durch ihn machte Gertrud Snell die Bekanntschaft mit der modernen Literatur, womit er - wie Gertrud Snell schreibt - viel zur literarischen Bildung der Kinder beigetragen hat.

Insgesamt war den Kindern der Familie Snell beigebracht worden, dass sie freundlich und verständnisvoll mit den Kranken umzugehen hatten. Das taten sie auch - meistens jedenfalls - denn die kleinen Späße, die sie sich erlaubten, waren eher harmlos. Einer der Patienten, bereits in würdigem Alter, hielt sich für den „lieben Gott Jehova“. Wenn sie ihm begegneten, bestellten die Kinder schönes Wetter. „Er nahm das sehr gütig entgegen und versprach, sein Möglichstes zu tun.“

(Quelle: Bericht von Gertrud Snell im Archiv der Psychiatrischen Klinik Lüneburg)