125 Jahre Psychiatrische Klinik Lüneburg

News Psychiatrische Klinik

Beim Festakt im PKL-Gesellschaftshaus (von links nach rechts):
Vicki Richter, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie komm. Ärztliche Direktorin der PKL, Ansgar Piel, Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, Rolf Sauer, PKL-Geschäftsführer von 2007 bis Ende August 2021, Stefan Olmützer, Pflegedirektor der PKL, Claudia Kalisch, Oberbürgermeisterin der Hansestadt Lüneburg, Jan-Hendrik Kramer, Geschäftsführer der PKL, und Paul Bomke, Geschäftsführer des Pfalzklinikums für Psychiatrie und Neurologie, Klingenmünster.


Jubiläumsfestakt mit Rückblick und Ausblick zur psychiatrischen Versorgung

Am 29. Juni 1901 wurde die heutige Psychiatrische Klinik Lüneburg (PKL) als „Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt für psychisch Kranke“ der Provinz Hannover am Wienebütteler Weg feierlich eröffnet. In der gesellschaftlichen Umbruchphase zu Beginn des 20. Jahrhunderts (u. a. durch Industrialisierung, Urbanisierung und Auflösung traditioneller Familienstrukturen) gab es erstmals das Bemühen, psychisch Erkrankte als Teil der Gemeinschaft wahrzunehmen und nach den damals neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen in Heilanstalten zu behandeln. Neben einer harmonischen Umgebung spielten dabei unter anderem differenzierte Beschäftigungsmöglichkeiten für die Patienten eine besondere Rolle. Das etwa 190 Hektar große Gelände wurde als Garten- und Parkanlage mit zahlreichen Einzelgebäuden im Pavillonstil gestaltet.

Die seitdem vergangenen 125 Jahre voller Veränderungen spiegeln einerseits exemplarisch die Entwicklung der Psychiatrie in Deutschland wider. Unter dem Motto „Psychiatrie anders wahrnehmen“ ist das Jubiläumsjahr auch Anlass für zahlreiche Veranstaltungen, Kooperationen und vieles mehr. Einer der Höhepunkte war ein Festakt mit geladenen Gästen, der heute, genau 125 Jahre nach Eröffnung der Klinik im Gesellschaftshaus der PKL stattfand.

In seinem Grußwort hob Ansgar Piel, Facharzt für Psychiatrie im Psychiatriereferat des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, hervor, dass moderne Psychiatrie sich über ihre Haltung zum Menschen definiere und sowohl personenzentrierte als auch lebenswertorientierte Unterstützung bieten müsse. Zentrale Fragestellung aller Therapie müsse sein, welche individuelle Förderung jeder einzelne Patient benötigt, um möglichst selbstbestimmt leben zu können: „Das ist im niedersächsischen Landespsychiatrieplan so festgeschrieben. Und die Entwicklung der Psychiatrischen Klinik Lüneburg zeigt eindrucksvoll, wie diese Grundsätze gelebt werden können.“

Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch gratulierte auch im Namen von Rat und Verwaltung der Hansestadt zum besonderen Jubiläum. In ihrer Rede erinnerte sie an die Psychiatrie-Enquête Mitte der 70er-Jahre. Angesichts katastrophaler Zustände in überfüllten Kliniken leitete diese einen grundlegenden Wandel zu wohnortnaher, sozialpsychiatrischer und zunehmend ambulanter Versorgung in ganz Deutschland ein. Zudem ging Kalisch auf den Erwerb des Niedersächsischen Landeskrankenhauses durch die Hansestadt Lüneburg im Jahr 2007 ein sowie auf die anschließende Umwandlung in eine Klinik in kommunaler Trägerschaft: „Das waren entscheidende Wendepunkte. Die PKL ist danach immer vorangegangen – medizinisch, baulich und organisatorisch. Dieses Vorangehen ist bis heute Maßstab bei der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Hauses.“

Paul Bomke, Geschäftsführer des Pfalzklinikums für Psychiatrie und Neurologie in Klingenmünster, spannte in seinem Festvortrag den weiten Bogen von der Ausgrenzung und dem Wegsperren psychisch Erkrankter im 19. Jahrhundert über das Ziel der Behandlung und Heilung, das Anfang des 20. Jahrhunderts unter anderem zum Bau der Psychiatrie in Lüneburg führte. Er sprach auch von der dunklen Zäsur in der Zeit der NS-Psychiatrie, in der es unter anderem zu Zwangssterilisationen, Entrechtung, Krankenmorden und Missbrauch der Medizin kam. Damals wie heute sei entscheidend, dass Menschen nicht aus der Gemeinschaft herausfallen dürften. Deshalb sei die zunehmende ambulante und aufsuchende Behandlung der Patientinnen und Patienten sowie deren weitestgehende Wohn-, Arbeits- und Sozialintegration zielführend für die kontinuierliche Weiterentwicklung und die Zukunft psychiatrischer Versorgung. Sein Appell an die Zuhörenden: „Es ging nie darum, in Lüneburg Betten bereitzustellen, es ging und geht um Linderung, Teilhabe, Teilgeben und Gemeinwohl! Bewahren sie diese Ideen und nicht nur die Institution.“

Zugang zu einem ganz persönlichen Blick auf die Veränderungen und Entwicklungen der letzten drei Jahrzehnte in Lüneburg gewährte Vicki Richter. Die Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und kommissarische Ärztliche Direktorin ist seit 31 Jahren als Ärztin an der PKL tätig: „Als ich 1995 anlässlich meines Vorstellungsgesprächs zum ersten Mal über dieses Gelände ging, dachte ich: Was ist das für ein besonderer Ort. Hier kann man gut arbeiten, und hier kann man auch gut gesund werden.“ Bis heute erlebe sie, dass das therapeutische Arbeiten in den interprofessionellen Teams gerade in der Kinder- und Jugendpsychiatrie von einer besonderen Atmosphäre geprägt und getragen sei. „Wir behandeln hier keine Diagnosen, sondern Menschen und deren Familien. Die PKL ist für mich immer noch ein besonderer Ort: ein Ort der Zuversicht und Hoffnung, nicht der Ausgrenzung.“

Rolf Sauer, Geschäftsführer der Psychiatrischen Klinik Lüneburg von 2007 bis 31. August 2021, und sein Nachfolger, der heutige Geschäftsführer Jan-Hendrik Kramer, erinnerten sich gemeinsam an entscheidende Phasen der Weiterentwicklung seit dem Wechsel in die kommunale Trägerschaft. Von besonderer Bedeutung dabei sei die Schranke gewesen, die am Anfang noch die freie Zufahrt aufs Gelände einschränkte. „Diese Schranke gab es auch im Kopf vieler Lüneburgerinnen und Lüneburger“, erinnert sich Rolf Sauer. Die Öffnung der Psychiatrie habe seitdem Neues möglich gemacht: „Ausstellungen mit Patientenkunst, Flohmärkte im Gesellschaftshaus, die Kindertagesstätte Brockwinkler Wald auf dem Klinikgelände und vieles mehr.“

Jan-Hendrik Kramer betonte, dass die Klinik als modernes Dienstleistungsunternehmen zur Umsetzung gemeinsamer Ziele auch auf Partner angewiesen sei. „Am Erfolg der PKL haben unzählige interne und externe Mitarbeitende teil. Sie alle aufzuzählen, ist unmöglich, weshalb sich mein kollektiver Dank an alle richtet.“ Und den Blick in die Zukunft gerichtet gab der PKL-Geschäftsführer ein Versprechen: „Die PKL wird immer ein Ort der Menschlichkeit bleiben. Dafür stehen wir ein, so lange wir hier Verantwortung tragen. Denn „Nie wieder ist jetzt“, gerade das ist wichtiger denn je.“

Zumindest in Niedersachsen ist die Psychiatrische Klinik Lüneburg als einzige im Originalbestand erhalten geblieben. Da Park und historische Gebäude unter Ensemble-Denkmalschutz stehen, wurden bauliche Veränderungen und auch die modernen Neubauten der jüngeren Zeit optisch in Anlehnung an die bestehenden Gebäude gestaltet.

Zu ihrer Entstehungszeit 1901 lag die neue Anstalt vor den Toren der Stadt. Sie war als weitgehend eigenständige Institution konzipiert und gebaut, wurde jahrzehntelang von Außenstehenden kaum wahrgenommen. Die heutige PKL liegt zwar immer noch am Stadtrand, ist aber umgeben von Wohnbebauung. Das offene und für jeden zugängliche Parkgelände lädt zum Spazierengehen ein. Und Personen, die zum ersten Mal zu Besuch kommen, sind überrascht von der Größe und Weitläufigkeit des Geländes und begeistert von der Schönheit des Parks – damals wie heute eine Umgebung, die zum Gesundwerden und zur Heilung beitragen kann.

Weitere Informationen unter www.pk.lueneburg.de