„Leistet nicht. Zu schwach. Nicht einsatzfähig.“

Bei den Gräbern der Kriegsgräberstätte auf dem Lüneburger Friedhof Nord-West handelt es sich im Wesentlichen um Gräber von Menschen, die sowohl aufgrund ihrer psychischen Störung als auch ihrer Herkunft Opfer des NS-Regimes wurden. Ihrem Sterben in der NS-Psychiatrie oder in der unmittelbaren Nachkriegspsychiatrie ging in der Regel eine umfangreiche Verfolgung, Diskriminierung und Entrechtung voraus. Ihre psychische Krise war häufig eine Folge von Zwangsarbeit, Lagerhaft, Flucht und Zwangsumsiedlung.

Mit dem Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg endeten diese Extremerfahrungen nicht, sondern die Frauen, Männer und Kinder wurden aufgrund ihrer ausländischen Herkunft medizinisch unterversorgt. Sie erhielten keine notwendige Hilfe, lebensrettende Maßnahmen blieben aus, häufig wurde bei ihrem Sterben teilnahmslos zugeschaut oder weggesehen. Bei den Kindern mit Behinderung schreckten die Ärzte und Pflegekräfte sogar vor Mord nicht zurück.

Dieses Buch ist Ergebnis umfangreicher Forschungen zu über 80 Gräbern ausländischer Patientinnen und Patienten, die vor 40 Jahren zu einer Kriegsgräberstätte zusammengefasst wurden. Es erzählt fragmentarisch 45 Lebensgeschichten und beleuchtet facettenreich ein bislang weitgehend unbekanntes Kapitel der „Euthanasie“-Forschung, nämlich den Umgang mit Zwangsarbeitern, Kindern von Zwangsarbeitern, Lagerhäftlingen, Flüchtlingen und Umsiedlern ausländischer Herkunft in der NS- und Nachkriegspsychiatrie.