30.08.2020

Erinnerungen einen Raum geben – Bildungszentrum der »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg eingeweiht

Am 30. August 2020 wurde das neu geschaffene Bildungszentrum der »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg im »Alten Gärtnerhaus« auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL) feierlich eingeweiht. Nach eineinhalb Jahren Sanierungs- und Bauzeit wurde das im Dornröschenschlaf befindliche Gebäude durch Öffnung der Jahrzehnte verschlossenen Fensterläden symbolisch »wachgeküsst«.

Im Anschluss hatten die etwa 50 geladenen Gäste - unter ihnen auch Angehörige von »Euthanasie«-Opfern - nach einer kurzen Einführung durch Gedenkstättenleiterin Dr. Carola Rudnick die Gelegenheit, das Bildungszentrum zu besichtigen. In den neuen Räumen präsentierte die Gedenkstätte auch ihre eigens für die Einweihung konzipierte Sonderausstellung »Erinnerungsräume«. Die Ausstellung – zu der auch eine 60-seitige Broschüre publiziert wurde – gibt nicht nur Einblick in die wechselvolle Geschichte des ehemaligen Gärtnerhauses und in die Baumaßnahme, sondern dokumentiert auch andere Orte bzw. »Erinnerungsräume« in Lüneburg und Niedersachsen, die mit den Lüneburger »Euthanasie«-Verbrechen in Verbindung stehen. Vorher-/Nachher-Bilder veranschaulichen, wie »aus einem vom Verfall bedrohten Gebäude durch glückliche Umstände und großes Engagement ein ›Schatzkästchen‹ werden kann«, erläutert Dr. Sebastian Stierl, Vorsitzender des Trägervereins. Neben der Psychiatrischen Klinik und der Gesundheitsholding Lüneburg haben sich insgesamt zehn weitere »Prinzen« beim »Aufwecken« des Gärtnerhauses beratend und finanziell beteiligt: die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Hermann Reemtsma Stiftung, der Landkreis Lüneburg, die Klosterkammer Hannover, die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung, das Landesamt für Denkmalpflege, die VGH Stiftung, die Niedersächsische Sparkassenstiftung, die Lüneburger Sparkassenstiftung und der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt.

»Mit der Eröffnung des Bildungszentrums wurde ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Aufarbeitung der Lüneburger Psychiatrieverbrechen erreicht. Das Engagement, sich für eine lebendige, zivilgesellschaftlich getragene Erinnerungskultur einzusetzen, wird hier materiell sicht- und ideell spürbar«, betonte Rolf Sauer, Geschäftsführer der PKL, in seinem Grußwort. Die Bedeutung einer nachhaltigen Bildungsarbeit, insbesondere angesichts zunehmender offener Diskriminierung, betonten vor allem Brigitte Somfleth, Kuratoriumsmitglied der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung, und Dr. Arne Butt, Referent der VGH Stiftung und der Niedersächsischen Sparkassenstiftung. Prof. Dr. Paul Lankisch, Ortskurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, und Dr. Sebastian Stierl hoben die psychiatrie- und bauhistorische Bedeutung des Gärtnerhauses hervor, die in Einklang mit der sensiblen Restaurierung und jetzigen Nachnutzung stehe. Landrat Jens Böther rief die »Euthanasie«-Verbrechen in der eigenen Nachbarschaft in Erinnerung. Er stellte die Biografie des Artlenburger Jugendlichen Heinz Knorr vor, dessen Geschichte wie auch weitere Einzelschicksale zukünftig von Besucherinnen und Besuchern im pädagogischen Archiv des Bildungszentrums recherchiert werden können.

Die Erhaltung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes gelang vor allem durch die fachkundige Beratung und Begleitung durch den Architekten Henryk Reimers, HSR Architekten. Das 1832 aus 4.000 Klostersteinen des Lüneburger St. Nicolai-Turms errichtete ehemalige Gärtnerwohnhaus der ersten Königlich-Hannoverschen Baumschule bietet auf rund 200 m² Platz für Seminare, Fortbildungen, Tagungen und Begegnungsprojekte. »Die Räume können zukünftig auch von externen Veranstaltern angemietet werden, sofern die Nutzungen Dritter mit den Zielen der Gedenkstätte vereinbar und die Räume nicht bereits durch uns belegt sind«, betont Rudnick. Erste Buchungen für den September liegen bereits vor.

Die Sonderausstellung und die Broschüre »Erinnerungsräume« wurden von Rudnick und ihrem Team in mehrtägigen Gedenkstättenseminaren, aufgrund der Pandemie unter strengen Hygiene-Auflagen und teils im Home-Schooling, mit 51 Schülerinnen und Schülern der beiden Lüneburger Pflegeschulen erarbeitet. Die »Erinnerungsräume« zitieren Claude Lanzmanns Film »Shoah«, indem Opfer wie Heinz Knorr und ihre Täter durch Fotomontagen an heutige Orte zurückgeführt werden, die mit ihnen in Verbindung stehen. Angehörige bzw. Bewohnerinnen und Bewohner stellten den 51 Schülerinnen und Schülern dafür Fotos der heutigen Orte sowie Hintergrundinformationen zur Verfügung. Die Ausstellung wird ab 31. August 2020 für ein Jahr in den Räumen der Gedenkstätten-Dauerausstellung im ehemaligen Badehaus (Haus 34) am Wasserturm der PKL zu sehen sein. Die Broschüre ist bei der »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg erhältlich. Und für all jene, die aufgrund der Corona-bedingten begrenzten Gästezahl beim »Wachküssen« des Bildungszentrums im ehemaligen Gärtnerhaus und bei der Einweihung der Sonderausstellung nicht teilnehmen konnten, produziert die Gedenkstätte einen kurzen Dokumentarfilm über die Veranstaltung, der ab 1. September 2020 als Video-Podcast auf der Homepage der Gedenkstätte zu sehen sein wird (www.pk.lueneburg.de/gedenkstaette).

Hier finden Sie weitere Informationen zur Förderung des Projekts.