20.08.2018

»Still, stumpf, beschäftigt mit Kartoffelschälen, verlegt«

Die »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg stellt bei Gedenkfeier die Forschungen zu weiblichen Opfern des Patientenmordes vor und z

Im Zentrum der diesjährigen Gedenkfeier der »Euthanasie«-Gedenkstätte Lüneburg am 26. August 2018 um 14 Uhr im Gesellschaftshaus der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (Am Wienebütteler Weg 1) stehen über 200 Frauen, die im April 1941 von der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt und dort im Rahmen der sogenannten »Aktion T4« vergast wurden. »Frauen trugen offenbar ein größeres Risiko als Männer, zu Opfern der ›Aktion T4‹ zu werden. Ihre Überlebenschance war geringer«, sagt Dr. Carola Rudnick, wissenschaftliche und pädagogische Leiterin der Gedenkstätte, die gemeinsam mit 53 Pflegeschülerinnen und Pflegeschülern der Krankenpflegeschule der Psychiatrischen Klinik und der Schule für Pflegeberufe des Klinikums Lüneburg historische Unterlagen ausgewertet hatte. »Viele der Frauen waren schwangerschafts- und geburtsbedingt erkrankt«, erläutert Rudnick, »ihre Ermordung wirkte sich häufig auch auf das Leben ihrer zurückgebliebenen Kinder verheerend aus.«

Bislang war über die Patientinnen der Lüneburger Anstalt, die Opfer der »Aktion T4« wurden, nichts bekannt. Im Rahmen eines Projektes wurde dazu nun erstmals näher geforscht. Zu den überraschenden Ergebnissen zählt die Erkenntnis, dass die Frauen aus dem gesamten norddeutschen Raum stammten, etwa die Hälfte der Frauen kam aus den heutigen Städten Bremen, Bremerhaven, Celle, Cuxhaven, Hamburg, Hannover, Stade und Winsen/Luhe. 13 Frauen waren Lüneburgerinnen. Diese und weitere Ergebnisse präsentiert die Gedenkstätte in Form der Sonderausstellung » Still, stumpf, beschäftigt mit Kartoffelschälen, verlegt Frauen als Opfer der T4‹ «, die im Rahmen Gedenkfeier eröffnet und bis 15. Oktober 2018 in den Räumen der Gedenkstätte gezeigt wird. Bei der Veranstaltung werden einzelne Lebensgeschichten im Beisein zahlreicher Angehöriger exemplarisch vorgestellt, darunter auch die Geschichten der Lüneburgerin Therese Schubert und der Uelzenerin Elfa Seipel – beide in Hadamar ermordet.

Die Beschäftigung mit den weiblichen Opfern der »Aktion T4« reicht bei der Gedenkfeier auch auf anderen Ebenen weit in die Gegenwart hinein. Angehörige, die sich in jüngster Vergangenheit intensiv mit der Aufarbeitung der »Euthanasie«-Verbrechen an ihren Familienmitgliedern befasst haben, erzählen im Anschluss an die Ausstellungseröffnung über ihre persönlichen Erfahrungen. »Für mich war es wirklich ein Segen, wie Licht in die alte, finstere Familiengeschichte kam, die immer nur mühsam ertragen wurde«, berichtet die Enkelin von Therese Schubert.

Zu Beginn der Gedenkfeier thematisiert das international prämierte 45-minütige Theaterstück »Wo der Pfeffer wächst« sensibel und gegenwartsreflektiert die individuelle Gleichwertigkeit von Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen als Wunschtraum und Zukunftsmusik. Elf Schauspieler des Theaterensembles Weltenbrecher der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg bringen mit ihrem Stück damit auch die geschichtliche Prägung der heutigen Handlungsspielräume und (Selbst-)Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen entlarvend auf die Bühne.

Diese Veranstaltung wird durch die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und durch die Psychiatrische Klinik Lüneburg unterstützt, sowie durch das Bundesprogramm »Demokratie leben!« des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert, in Zusammenarbeit mit der Hansestadt Lüneburg und dem Stadtjugendring Lüneburg e. V.